Ökonomische Betrachtung menschlichen Verhaltens
Im Studium habe ich VWL nicht sonderlich gemocht, bis ich auf eine Spielart gestoßen wurde, die in meinen Augen so obskur wie interessant ist.
“Die Ökonomie des menschlichen Verhaltens” von Gary S.Becker hat mich regelrecht in ihren Bann gezogen, denn plötzlich bekamen die verwirrenden Formelberge einen ungeahnten Realitätsbezug.
Grundprinzip des neoklassischen Paradigmas ist eigennütziges und rationales Verhalten, d.h. Nutzenmaximierung auf Basis der persönlichen Präferenzen und unter Beachtung der bestehenden Restriktionen.
Gary Beckers Individuum hatte mit dem Zerrbild des neoklassischen homo oeconomicus, dem emotionslosen, sozial isolierten, blitzschnell kalkulierenden, vollständig informierten und stetig maximierenden Egoisten nicht mehr viel zu tun
Beispielsweise zählte er zu den Restriktionen nicht mehr nur das verfügbare Einkommen und die Güterpreise , sondern auch „Opportunitätskosten“ sowie moralische, soziale und rechtliche Regelungen, die den Handlungsspielraum des Individuums einschränken.
Des Weiteren wurde „rational“ in dem modernen Kontext interpretiert als Auswahl der Alternative, die innerhalb einer bekannten Auswahl und unter Beachtung der Situation, den relativen höchsten Nutzen hat.
Auf Basis dieser generalisierten ökonomischen Perspektive, hat Becker eine Vielzahl von Themen analysiert, die bis dato der Ökonomie nicht zugänglich erschienen.
Von Diskriminierung, Fertilität, dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern über Kriminalität bis hin zur Auswahl des Ehepartners, wurde das menschliche Verhalten in Formeln gegossen.
Was sich zunächst abstrakt anhört, wird bei der Lektüre erstaunlich schnell greifbar, denn man ertappt sich immer wieder selbst.
Ein ganz einfaches Beispiel - die Überlegung - kaufe ich mir einen Fahrschein oder nicht?
Einerseits wären da die monetären Kosten:
in Hamburg- Preis der HVV Karte (x)
und Geldstrafe fürs Schwarzfahren (g) .
Andererseits immateriellen Kosten z.B.
Angst während der Fahrt (a),
Schamgefühl wenn man erwischt wird (s)
Ärger wieder umsonst gezahlt zu haben (u)
Die Gesamtkostenrechnung wäre demnach
y = HVV Karte(x) + Ärger(u)*(1-p) - [ Angst(a) + (Geldstrafe (g) + Scham(s)) *p]
wobei p die subjektive Wahrscheinlichkeit ist erwischt zu werden und 1-p entsprechend jene nicht erwischt zu werden.
Menschen, die einigermaßen rational denken können kaufen eine Fahrkarte, sobald das Ergebniss dieser Formel negativ wird.
Füllen wir diese Formeln einmal mit Leben.
Die HVV Karte lassen wir in weiser Voraussicht mal x=2 kosten und die Strafe g=40.
Lisa ist immer äusserst korrekt und ängstlich mit a = s=20 und u=5, dazu schätzt sie die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden mit p= 0,5 ein.
y= 2 + 2,5 - [20 +((40 + 20)0,5) ]
y= - 45,5
Negative Zahl, bedeutet Lisa kauft sich eine Karte, weil sie das subjektive Risiko “teuerer” einschätzt als den Kauf einer Karte.
Lara dagegen ist relativ schmerzbefreit und immer knapp bei Kasse, also a=s=1, u=40 und p=0,2.
y= 2 + 8 -[1 + ((40+1)0,2)]
y= 0,8
Subjektiv “lohnt” sich demnach das Schwarzfahren für Lara.
Was will uns nun diese Werbesendung kleine Rechnung sagen?
Ähm ja gute Frage -selbst wenn man bedenkt, dass dieses Beispiel von einer Vielzahl von Faktoren abstrahiert, so kann man trotzdem das Grundprinzip erkennen.
Beispielsweise erhöht bei Menschen wie Lara theoretisch eine Preiserhöhung die Wahrscheinlichkeit des Schwarzfahrens, während eine Erhöhung der Geldbuße nur geringe Auswirkungen hat, solange die subjektive Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden gleich bleibend ist.
Dieses Beispiel ist zugegebenerweise ziemlich trivial, für diejenigen, die es interessiert hätte ich hier beispielsweise noch eine meiner Seminararbeiten zum Thema - unromantische Betrachtung von Eheverträgen, die erklärt wie man sich ausrechnen kann ob es sinnvoll ist einen Ehevertrag zu schliessen, wenn ja welchen und wie diese Entscheidung die Frau hinsichtlich Kind und Karriere beeinflusst bzw wie der Mann die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann seinen Willen zu bekommen
Sehr interessant ist übrigens auch immer wieder der blog von Herrn Becker und seinem Kollegen Herr Posner
Quellen
Becker, Gary S. (1993), Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, J.C.B. Mohr ( Paul Siebeck) Tübingen
Becker, Gary S. (1996): Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, Tübingen, Mohr.
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