Der SpOn Artikel über den geplanten Fachkongress “Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie” in Graz hat mich irgendwie nachdenklich gemacht und das aus zwei Gründen.
Da wäre zunächst einmal der Workshop
“Gibt es Besessenheit jenseits der Psychose?”
dessen Zusammenfassung Spiegel Online wie folgt wiedergibt:
Spreche ein Patient nicht auf Therapie an, könne dies “ein Hinweis auf das Vorliegen einer übernatürlichen Ursache” sein [..] “Wenn man dagegen die Berichte in den Evangelien und Lehre der Kirche hernimmt, so können diese Symptome als dämonische Angriffe auf einzelne Menschen erkannt werden.”
Dass, was verdächtig nach Hollywood klingt ist noch immer fester Bestandteil des Programms.
Natürlich kamen bei mir zunächst Assoziationen in Richtung Constantine und der Exorzist auf aber beim genaueren Nachdenken ist diese interdisziplinäre “Zusammenarbeit” gar nicht so absurd.
Betrachtet man “Besessenheit” als psychische Störung und Exorzismus als Gespräch mit einem Geistlichen,mit abschliessendem Gebet und der Lesung von Psalmen, dann kann dieser Vorgang durchaus als “Seelsorge” im Sinne eines psychologischen Gespräches interpretiert werden.
Auch wenn die Katholische Kirche strikt zwischen Besessenheit und Geisteskrankheit unterscheidet, bin ich der Meinung, dass die Grenze hier schwimmend bis nicht existent ist und ein Psychologe in den meisten Fällen mehr ausrichten kann.
Natürlich ist das nicht so spektakulär, wie ein Keanu Reeves, der mit einem Dämonen kämpft aber fraglich sowieso ob es Dämonen überhaupt gibt und wenn ja, wie habe ich mir das vorzustellen?
Findet das nur auf der Metaebene statt oder hat es physische Auswirkungen - zufällig ein Theologe anwesend, der mir das mal erklären kann?
Ich denke der Pudels Kern liegt hier in dem Satz “Es hilft woran man glaubt”.
Das eigentliche Übel des Kongresses war allerdings ein Referent, der über die Heilung von Homosexualität sprechen wollte.
Markus Hoffmann, ehemals Leiter von Wüstenstrom, einer Gruppe, die Homosexuelle via Konversationstherapie zu “gesunden ” Heterosexuellen machen wil, sagte die Teilnahme schliesslich wegen der
“Emotionalisierung und Ideologisierung der Debatte” [.. ab ..] “da ihm eine geordnete wissenschaftliche Diskussion nicht mehr möglich erschien”.
Eine wissenschaftliche Diskussion?
Betrachten wir die Idiotiediologie der Schwulenheilung doch mal genauer.
Kerngedanke ist, dass es sich bei Homosexualität um eine Krankheit handelt, eine These die glücklicherweise schon vor Jahren aus den “diagnostischen Manualen europäischer und US-amerikanischer Psychiater” gestrichen wurde.
Des weitern werden die damit verbundenen “Therapieansätze” (schon bei dem Gedanken daran, dass es sowas tatsächlich gibt empfinde ich einen latenten Brechreiz) von der WHO als potentiell gefährlich eingestuft.
Meiner Ansicht nach ist die Bezeichnung “wissenschaftlich” für einen deratigen Workshop damit absurd und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da.
Frau Dr. Valeria Hink hat die Sichtweise und das Treiben von Wüstenstrom auf Wissenschaftlichkeit analysiert eine Zusammenfassung der “Absurdität der Veränderungstherapie” findet Ihr bei gaynial.net
Noch einmal - Schwulenheilung als Wissenschaft oder als Religion?
Ist der Gedanke, Homosexualität wäre eine Krankheit nicht selbst der Ausdruck einer psychischen Störung?
UPDATE
An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ausdrücklich bei Christof Wagner entschuldigen, dessen Namen ich im Eifer des Gefechts mit dem der “Gegenseite” verwechselt habe.
Wie falsch dieser Fehler war wird deutlich, wenn man bedenkt, dass er zusammen mit einigen Mitstreitern dafür gesorgt hat, dass eben jener Referent nicht auf dem Kongress auftritt, er selbst auf hohem wissenschaftlichen und psychotherapeutischen Niveau über Homo- und Bisexualität aufklärt und gegen Diskriminierung kämpft.
Für empfehlenswert halte ich auch seinen Artikel über die Konversionstherapie.
Herr Wagner es tut mir wirklich sehr leid und ich möchte mich für die Nachsicht und vor allem auch dafür bedanken, dass Sie sich so aktiv gegen die Diskriminierung einsetzen!