Wer macht sowas?
Diese Frage stellt Dieter gerade vor kurzem in seiner gewohnt prägnant-provozierenden Art
Die Frage nach dem “wer” kann ich nicht beantworten, denn ich kann und will mich gar nicht in die Gedankenwelt einer Person hineinversetzen, die es für notwendig hält sich über das Leid anderer auf so eine Art und Weise lustig zu machen.
Da ich mich allerdings mit dem Thema “Rechtfertigung von Grausamkeiten” eine ganze Weile beschäftigt habe, möchte ich hier ein bisschen über die Frage nach dem “warum” spekulieren.
Spekulation ist dabei relativ, denn es ist ein empirisch validiertes Phänomen, dass im Rahmen der Theorie der kognitiven Dissonanz (welche auch sonst..) ausgiebig untersucht wurde.
Führen wir uns zuerst nochmal die Sachlage vor Augen um die es mir hier geht:
Im Örtchen X gibt es eine Ausländerbehörde. Bereits in der Vergangenheit gab es schon mal Stress, weil die Mitarbeiter dieser Behörde sich lustige Visitenkarten mit Texten wie „Never Comeback Airlines“ oder „Wir buchen, Sie fluchen“ drucken ließen.
Sowohl die Tätigkeit, als auch die Betroffenen werden ins lächerliche gezogen und abgewertet, leider ein typisches Schema, dass man nicht nur in dieser Situation beobachten kann.
Abstrahieren wir zunächst einmal - was passiert hier?
Ein Mensch tut etwas, dass einem anderen Menschen “Schaden” zufügt und wertet anschließend Person und Situation ab.
Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass eine Abschiebung immer mit negativen Konsequenzen verbunden ist, erst recht, wenn dabei Familien getrennt oder hier aufgebaute Existenzen zerstört werden..
Trotzdem bewegen wir uns erstmal weg von den Beamten, hin zu der geschützten Umgebung eines Experiments, dass David Glass mit willigen Versuchskaninchen Studenten durchführte.
Die Studenten erklärten sich dazu bereit, einem anderen Menschen schmerzhafte Elektroschocks zu geben und in der Folge konnte beobachtet werden, dass die Probanden ihr Opfer herabwürdigen.
Warum tun die sowas ?
Hier kommt die Theorie der kognitiven Dissonanz ins Spiel. Wie schon mal erwähnt, tendiert der Mensch dazu sich als anständiges und kluges Wesen zu sehen.
Selbst wenn man dazu angewiesen wird, bleibt das verabreichen von Elektroschocks moralisch höchst bedenklich und widerspricht dem Bild des “braven Bürgers”.
Dieser Widerspruch führt zu einer unangenehmen inneren Spannung - Dissonanz, die den eigentlichen Prozess in Gang setzt.
Unbewusst wird nach einer Legitimation dafür gesucht, es kann ja nicht sein, dass man als anständige Person einem anderen anständigen Menschen grundlos schadet.
Welche Möglichkeiten gibt es hier?
Entweder,
- man überzeugt sich selbst davon, dass man ein fieser Mensch ist und dann macht man das eben so,
- man überzeugt sich davon, dass das was man tut gar nicht so schlimm ist,
- man überzeugt sich selbst davon, dass der andere ein schlechter Mensch ist und es verdient hat so behandelt zu werden.
Wir haben ja schonmal gelernt, dass Möglichkeit 1 eigentlich keine ist, weil Sie mit einer Reihe von weiteren Dissonanzen einhergehen würde.
Möglichkeit 2 ist in dem Experiment mit den Elektroschocks auch keine wirkliche Alternative - wie soll man die Tat an sich herunterspielen? Sich einreden Stromschläge tun nicht weh oder der Typ ist bestimmt ein Masochist und steht auf sowas? Wohl eher nicht..
So wie es aussieht blieb in diesem Falle nur die Abwertung des Opfers übrig. Auffällig war dabei, dass die Abwertung mit dem Selbstwertgefühl der Probanden positiv korreliert war d.h. je höher der Selbstwert, desto mehr wurde das Opfer nieder gemacht. Oder wie der Meister sagt:
“Man betrachte die Ironie: Gerade weil ich mich für einen so netten Menschen halte, muß ich mich, wenn ich Ihnen Schmerzen zufüge, davon überzeugen, daß sie ein Schuft sind. Anders gesagt, weil so nette Menschn wie ich nicht irgendwelchen unschuldigen Menschen weh tun, müssen sie alle Gemeinheiten verdiehnt haben, die ich Ihnen zugefügt habe.” (Aronson 1994, S. 227)
Aronson selbst vermutet, dass dieses Phänomen auch bei Soldaten , dieim Krieg mit zivilen Opfern konfrontiert werden eine Rolle spielt.
Im Anschluss an den Vietnam-Krieg sagten die Psychiater von Leutnant Calley vor dem Kriegsgericht aus, er habe
“das vietnamesische Volk mehr und mehr als Untermenschen betrachtet” (ebd. S.228)
Natürlich kann es tausende andere Gründe dafür gegeben haben, aber ich denke der vorgestellte Mechanismus liefert eine Plausible These dafür wie es dazu gekommen sein könnte.
Das gefährliche daran ist, dass wenn man erstmal anfängt eine bestimmte Gruppe von Menschen per se abzuwerten, sich über sie lustig zu machen und sie nicht mehr als Menschen zu sehen, dass gleichzeitig die Hemmschwelle sinkt Ihnen etwas “anzutun”.
Und da wären wir wieder bei den Beamten (wobei ich hier besser noch einmal ausdrücklich betonen möchte das es hier um den Mechanismus geht, bevor jemand auf die Idee kommt mich abzumahnen weil ich Ihn mit Kriegsverbrechern verglichen habe…)
Das hier die Hemmschwelle mittlerweile schon sehr niedrig sein muss, erscheint mir obsolet. Vielleicht sollte denen mal jemand die Brille aufsetzen, damit die mal wieder klar sehen und nicht vor lauter Selbstreferentialität, weiterhin der Meinung sind “nix böses zu tun” - denn wir sind ja alle anständige Menschen…
Quelle: Aronson, E. (1994),Sozialpsychologie: menschliches Verhalten und gesellschaftlicher Einfluß, Heidelberg [u.a.].