24th August 2007

Die Ideotie der Masse - Mügeln feat. Social Support-Paradigma

posted in Ich hasse das, Neunmalklug |

Allein die Tatsache, das Menschen von einer grölenden Menge durch die Stadt gejagt werden, ist vollkommen unabhängig von Hautfarbe, Staatsbürgerschaft und Religion, schlichtweg ein Zeichen dafür wie rückständig und beschränkt die involvierten Gemüter sind.

Der Fall Mügeln hat mich erschrocken, nicht nur als Fall von strunzdummer, rechter Gewalt, sondern mehr aufgrund der Reaktion der Einwohner, sowohl in der besagte Nacht, als auch im nachhinein.
Die Verleumdung rechter Tendenzen, das Abwiegeln, die “mein Name ist Hase” Reaktionen - ist es nur die Angst selbst Opfer zu werden oder in der Gemeinde an Ansehen zu verlieren?

Über die Frage -ob Nazis absolut daneben sind oder nicht müssen wir hier nicht mehr diskutieren, das Verhalten des sogenannten “Dorfpöbels” soll hier der Schwerpunkt sein.

Dafür nehme ich Euch mal wieder auf einen kleinen Exkurs mit - das Social Support Paradigma, durch Leon Festinger beim Namen genannt, liefert eine sehr schöne Erklärung für Massenphänomene.

Das „social support“-Paradigma

Festinger (1978) postuliert, dass zwischenmenschliche Interaktion untrennbar mit den Mechanismen der kognitiven Dissonanz verbunden ist (S. 177ff.).

Diese Annahme wird mit der Tatsache begründet, dass individuelles Verhalten durch interpersonelle Interaktion und Kommunikation beeinflusst wird. Der Austausch dissonanter und/oder konsonanter Einstellungen und Informationen, kann dabei Dissonanz initiieren, verstärken oder reduzieren.

Beispielsweise erlebt ein Individuum Dissonanz wenn ein anderes Gruppenmitglied einen der eigenen Meinung widersprechenden Standpunkt vertritt.
Die Stärke der Dissonanz, aufgrund einer Meinungsverschiedenheit im sozialen Kontext, ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. Neben der Menge der kognitiven Elemente, die mit der eigenen Meinung verbunden
sind, müssen auch die Kognitionen, die durch die Interaktion mit der sozialen Gruppe relevant werden, in die Betrachtung einbezogen werden.
Dabei ist die Menge der dissonanten Elemente, die die eigene Meinung betreffen, determiniert von der Wichtigkeit der dissonanten Kognitionen, der Möglichkeit die eigene Meinung objektiv zu bestätigen und von der Anzahl der konsonanten Beziehungen der betrachteten Meinung zu dem kognitiven Gesamtsystem.
Die Menge der dissonanten Kognitionen aus dem sozialen Kontext wird bestimmt durch die Anzahl von Individuen innerhalb der Gruppe, die der eigenen Meinung widersprechen, von der Relevanz und der Attraktivität, die das Individuum dem Meinungsgegner und der Gruppe beimisst und von
dem Grad der Meinungsverschiedenheit.
Dissonanzreduktion basiert auch im Falle der Dissonanz aufgrund sozialer Prozesse auf den bekannten Reduktionsmechanismen, der Addition von konsonanten, der Subtraktion von dissonanten oder der Substitution dissonanter durch konsonante Kognitionen.
Soziale Interaktion ist immer mit einem Austausch von Informationen verbunden. Durch ein Gespräch mit Individuen, die die eigene Meinung teilen, kann der Anteil konsonanter Kognitionen erhöht werden, während
Individuen mit konträrer Meinung, die Dissonanz noch verstärken.

Analog zum Mechanismus der selektiven Informationsaufnahme (vgl. hier und hier), kann deshalb unterstellt werden, dass eine Auswahl der Interaktionspartner, zwecks Dissonanzreduktion, stattfindet. (Die Beteiligten bleiben unter sich, bestärken sich gegenseitig)
Des Weiteren kann das Individuum seine Meinung zugunsten der Gegenposition ändern oder umgekehrt versuchen das widersprechende Individuum von der eigenen Meinung zu überzeugen (Darstellung gegenüber der Presse).
Eine weitere Möglichkeit besteht darin die andere Person abzuwerten oder von sich selbst zu differenzieren, indem entweder Reliabilität und Kompetenz der Person selbst angezweifelt werden oder ein anderer sach- und
fachlicher Hintergrund unterstellt wird. (Z.B. die Unterstellung, dass die Inder angefangen haben)
Festinger selbst hat in Untersuchungen nachgewiesen, dass Dissonanzreduktion innerhalb von stabilen Gruppen dazu führt, dass die Meinungen innerhalb der Gruppe angeglichen werden.
Massenphänomene werden demnach durch eine kollektive Dissonanzreduktion erklärt. Stehen beispielsweise viele Menschen, bei denen eine verbreitete Überzeugung widerlegt wurde, in Kontakt, dann führt die daraus resultierende Dissonanz nicht zu einer Aufgabe der Überzeugung, sondern zu einer Verfestigung dieser.

Versuchen die Mitglieder so einer Gruppe zusätzlich außenstehende Personen von Ihrer
Meinung zu überzeugen, dann kann dieser Mechanismus einen
Erklärungsansatz für das, was in Mügeln gerade passiert darstellen, aber auch für religiöse Bewegungen eine Erklärung liefern . (vgl. ausführlich Festinger, 1978, S. 228-252)

Quelle: Festinger, Leon (1978): Theorie der kognitiven Dissonanz, Bern [u.a.].

Abschließend schick ich Euch jetzt noch rüber zum pantoffelpunk, bei dem Dieter Petereit einen sehr schönen Artikel über die potentiellen Betrachtungsweisen der Sachlage und den damit verbundenen Konsequenzen verfasst hat.

This entry was posted on Friday, August 24th, 2007 at 8:46 am and is filed under Ich hasse das, Neunmalklug. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

There are currently 2 responses to “Die Ideotie der Masse - Mügeln feat. Social Support-Paradigma”

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  1. 1 On August 24th, 2007, mein-parteibuch.com » Wenn Pax Europa Spender sucht … said:

    [...] Folgen von durch die Erweckung irrationaler Ängste geschürtem Hass sind beispielsweise in Mügeln zu besichtigen. Richtigerweise betrachtet eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung deshalb das [...]

  2. 2 On January 30th, 2008, Massenmediale Gehirnwäsche said:

    [...] Prozess ein - ein ganz einfaches Prinzip der Theorie der kognitiven Dissonanz. (Wir erinnern uns - oder lesen hier noch einmal [...]

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