30th January 2008

Massenmediale Gehirnwäsche

posted in Landplagen, Neunmalklug |

Als ich anfing diesen Artikel zu schreiben war meine Intention einfach mal zu zeigen warum es einem oftmals so vorkommt, als würde eine aufsehenerregende Straftat ihre nicht minder grausamen Nachfolger regelrecht auf den Plan rufen.

 

Bei meiner Recherche aber stieß ich auf ein paar interessante Zahlen zum Thema Kriminalitätspolitik, insbesondere im Hinblick auf  die aktuelle Diskussion betreffend krimineller Jugendlicher.

Jeder prinzipiell intelligente Mensch müsste in der Lage sein zu erkennen, wie absurd die fremdenfeindlichen Aussagen und Forderungen von Herrn Koch und seinen Trittbrettfahrern sind, für mich ist das nichts weiteres als Hetze und populistisches Stimmungsmache.

 

Wo liegt die Intention - soll der NPD die Wählerschaft abgenommen werden? Eine gewisse Vorbildfunktion Kochs für diese Zielgruppe lässt zumindest dieser Beitrag hier vermuten.

Doch erst einmal zurück zum Ausgangsthema.

 

 

Seit dem unglaublichen Vorfall, an dem ein Rentner von 3 Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde, habe ich das Gefühl, dass plötzlich fast täglich über neue Fälle dieser Art berichtet wird.

Ein Phänomen, das mir nicht zum ersten Mal auffällt und hinter dem (nicht nur meiner Meinung nach) eine zielgerichtete Systematik steckt.

 

Schon bei den Fällen von Kindesmisshandlung und -Vernachlässigung, schienen die Fälle plötzlich wie Pilze aus dem Boden zu schießen.

Die traurige Wahrheit ist - meistens haben wir es hier nicht mit einem sprunghaften Anstieg spezieller Straftaten zu tun, sondern lediglich die Berichterstattung ist eine andere und oftmals steht ein populistisches oder gar politisches Kalkül dahinter auf das ich hier jetzt ein bisschen näher eingehen möchte.

 

 

Der Einfluss der Medien auf die Kriminalitätswahrnehmung und damit indirekt auch auf die Politik ist meiner Meinung nach relativ einfach zu erklären.

Nehmen wir als Beispiel dafür einmal die aktuelle Debatte über die Jugendkriminalität und zwar unter Abstraktion der unglaublich dämlichen Kommentare von Herrn Koch. (Hier übrigens noch einmal eine gewohnt stechende Interpretation zu dem Thema beim pantoffelpunk).

 

 

Berichten Zeitungen viel und prominent über bestimmte Straftaten, wird die Wahrnehmung der Bürger relativ schnell selektiv.

Je heftiger der Auslöser, d.h. grausamer die Fälle, umso schneller setzt dieser Prozess ein - ein ganz einfaches Prinzip der Theorie der kognitiven Dissonanz. (Wir erinnern uns - oder lesen hier noch einmal nach)

Die Tat vor Weihnachten, bei der ein Rentner mit brutaler Gewalt zu Tode geprügelt wurde hat die Nation erschüttert, insbesondere deswegen weil die Meldung mitten in die Zeit der Besinnung und des Friede Freude Eierkuchens “hineinplatzte”.

Die öffentliche Aufmerksamkeit war plötzlich groß, die Menschen wollten alles über dieses Thema wissen und entsprechend prominent wurde über das Thema berichtet, denn Inhalt den Leser lesen wollen lässt sich nunmal besser verkaufen.

 

 

Entsprechend wurden ähnliche Nachrichten, die bis dato eher einen Platz auf Seite 3 bekommen hätten auf die Titelseite gebracht, die Berichterstattung vertieft, diskutiert, gehypt und allein schon die Art und Weise wie manches Blatt oder manche Sendung seine Berichte formulierte (Betonung immer wieder auf den ausländischen Hintergrund, wenn Deutsche beteiligt waren Sätze wie “ein junger Mann mit deutschem Aussehen” (suggeriert das es nicht so sein muss) etc…

 

 

2004 hat TSN Infratest mehrer Umfragen zum Thema Kriminalität durchgeführt.
Betrachtet wurde der Zeitraum von 1993 bis 2003 in dem die Kriminalitätsrate de facto um -2,6% abgenommen hatte

 

Die Studie ergab, dass

  • 1. weniger als 10% der Befragten überhaupt ein sinken der Kriminalitätsrate vermuteten
  • 2. ein Grossteil der Befragten den Anstieg der Straftaten extrem überschätzte (je nach Straftat bis zu 260%)

Doch damit noch nicht genug, in einer zweiten Studie wurde dann noch gefragt wer wohl verantwortlich für diesen Anstieg wäre und die Antwort war ebenso eindeutig wie erschreckend - Ausländer.

Um genau zu sein wurde ein Anstieg des Anteils

“der Ausländer an den polizeilich regeistrierten Tatverdächtigen [..]von 26,7% auf 36,5%”

unterstellt, in der Realität sah es aber so aus, das selbiger

auf 19,0% gesunken war.

 

Wie kommt es nun zu einer solchen Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung und welche Auswirkungen hat das auf die Kriminalitätspolitik?

Medienwissenschaftliche Untersuchungen aus den USA und Kanada haben gezeigt, das sich hier eine Realtion zu der Darstellung von Kriminalität in den Massenmedien feststellen lässt.
Wird trotz sinkender Kriminalitätsraten, vermehrt über Gewaltdelikte berichtet - unabhängig davon ob real z.B. in den Nachrichten oder fiktiv wie z.B. in Serien etc. tendieren die Menschen dazu die Kriminalitätsrate als ansteigend einzuschätzen.

 

Wie schon oben erwähnt wird der Inhalt über den berichtet wird auch immer vom Marktwert bestimmt, d.h. was die Menschen interessiert lässt sich besser verkaufen.

 

Genauso wie negative Erinnerungen einem Menschen tendenziell deutlicher in Erinnerung bleiben wie postive werden negative Nachrichten gegenüber anderen Nachrichten bevorzugt.(Galtung/Runge 1965)
Ergo haben derartige Nachrichten in der Regel auch einen höheren Marktwert als positive.
Dazu kommt, das insbesondere Privatsender auf eine Personalisierung und Emotionalisierung in der Berichterstattung setzen - in Gerichtshows beispielsweise werden zwischenmenschliche Probleme und Schicksale auf der Bühne einer Straftat thematisiert.

 

Betrachtet man Privatsender wie RTL und Sat1, die deutlich mehr darauf angewiesen sind “quotentaugliche” Beiträge zu senden so zeichnet sich gemäß einer Studie des Hannoveranischen Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung allein zwischen 1995 und 2003 der Anteil “kriminalitätshaltiger Sendungen am Gesamtprogramm” von 13,1 auf 18,7 bzw. 11,4 auf 19,5% angestiegen ist.

 

Alles in allem wird den Zuschauern so suggeriert das “das Böse real” und ganz nah ist, was zu einem erhöhten Unsicherheitsgefühl und damit steigendem Sicherheitsbedürfnis führt.(Krüger 2000, S.278-296)

 

Dieses diffuse Sicherheitsbedürfniss lässt die Stimmen nach härterer Strafpolitik lauter werden, was wiederum einige Politiker als Anlass dafür nehmen mit solchen Themen gezielt Wahlkampf zu betreiben.

 

Das traurige Ende vom Lied ist ein Kreislauf von zielgerichteter Berichterstattung, kombiniert mit darauf abgestimmten, völlig absurden politischen Forderungen und Unterstellungen, die wiederum die Ausrichtung der Berichte noch einheitlicher werden lassen, so dass Otto-Normalbürger gar nicht mehr in der Lage ist in der Masse von Absurditäten die Wahrheit zu finden..

Quellen

Krüger, U. Michael (2000). Unterschiedliches Informationsverständnis im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen,in: Media Perspektiven 7/2000, S. 278 œ 296

Galtung, Johan & Ruge, Marie H. (1965): The Structure of Foreign News: The Structure of
Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crisis in Four
Norwegian Newspapers, in: Journal of Peace Research, 2/1965, S. 64 œ 91
Christian Pfeiffer, Michael Windzio, Matthias Kleimann: Die Medien, das Böse, und wir

 

This entry was posted on Wednesday, January 30th, 2008 at 8:40 pm and is filed under Landplagen, Neunmalklug. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

There are currently 5 responses to “Massenmediale Gehirnwäsche”

Hast Du eine Meinung?

  1. 1 On January 30th, 2008, fgderg said:

    Also das ist ja alles ganz nett, ist aber ja nicht nur auf Straftaten und ähnliche Delikte zu beschränken. Jeder normal denkende Mensch merkt doch das sobald etwas vermeintlich schreckliches oder etwas über das sich alle aufregen etc. passiert das die Medien plötzlich über immer mehr gleichartige Vorfälle berichten.
    Oder glaubt Ihr das ganz plötzlich zig Flugzeuge abstürzen, Bruchlandungen machen oder knapp gerettet wurden?
    Genauso Zugunglücke. Glaubt wirklich ein Mensch der einigermaßen intelligent ist das ganz plötzlich mehr Züge entgleisen oder knapp einem Anschlag entgangen sind.
    Also bitte, dazu braucht man doch keine Studien oder Statistiken, es sei denn man möchte Leute überzeugen die es noch nicht kapiert haben. Aber ob genau die die obigen Ausführen von Dir verstehen werden?

  2. 2 On January 31st, 2008, Tamlin said:

    Massenmediale Gehirnwäsche…

    … und Du machst mit :-)

    Nein, im Ernst, darüber, dass die Medien hauptsächlich über Dinge Berichten, die sich verkaufen lassen, müssen wir eigentlich nicht reden. Das ist eine logische Konsequenz davon, dass das Nachrichtenwesen hier in privater Hand liegt und das ist meiner Meinung nach auch ganz gut so… ich möchte auf jeden Fall nicht in einem Land leben, in dem es ein Propagandaministerium oder ein MiniWahr (Ministerium für Wahrheit, Neusprech, Orwell ‘1984′) gibt…

    Wo liegt in Deinen Augen die Alternative?

    Das Problem ist weniger die Verfügbarkeit von Information, eher das Konsumverhalten von Otto Normalbürger, der es entweder schnell und Oberflächlich haben will oder eben nur in und über die Ihm genehmen Kanäle sucht.

    Auch in den von Dir aufgeführten Statistiken ist eine Tendenz, für Neutralität fehlt hier noch eine Information:

    Lt. Auswärtigem Amt (http://www.tatsachen-ueber-deutschland.de/) leben in Deutschland 8,8% Ausländer (Stand: Ende 2006). Das heisst, bei einem Ausländeranteil von 19% bei den Straftaten, das eine Bevölkerungsgruppe, die 1/10 der Gesamtbevölkerung ausmacht, 1/5 der Tatverdächtigen stellt.

    Fakt ist, Information kann und wird kommerziell genutzt, ein Umdenken/ -lernen im Informationskonsum ist gefragt, und das ist eher ein gesellschaftliches und kein mediales Problem.

    Just my 2 cent…

  3. 3 On February 4th, 2008, Sayer said:

    Das schöne an einem MiniWahr, wäre das man wirklich weis wo dran man ist. So läßt man sich das Gehirn durch die Medien waschen und weis nichtmal so recht mit welchem Wasch bzw. Weichspüler.
    “Wo liegt der Unterschied zwischen einer aufgezwungenen Meinung und fünf verschieden, zwischen denen man wählen darf?”

  4. 4 On February 5th, 2008, Dieter Petereit said:

    Auch ein paar brainwashed commentators am Start?

    Die einzige Methode, sich vor der rituellen Gehirnwaschung zu schützen ist to keep an open mind. Immer kritisch bleiben und nicht vorschnell urteilen oder sich dessen wenigstens bewusst zu sein. Leider sind rund 90 % aller Menschen intellektuell weder zu dem einen noch zu dem anderen überhaupt in der Lage.

  5. 5 On February 5th, 2008, XiongShui said:

    Es ist das alte Problem der Bequemlichkeit der Menschen: Statt sich wirklich zu informieren, im Internet hat man innerhalb von Sekunden Zugang zu allen relevanten Statistiken, glauben sie lieber der Zeitung mit den großen Buchstaben. Erstaunlich, wenn man bedenkt, daß in Deutschland 40 Millionen einen Internetzugang haben… Was machen die damit? Pornos gucken?

    Es läßt sich an den Stammtischen eben leichter über fiktive Probleme streiten als sich der Realität zu stellen, das würde nämlich auch bedeuten, daß der Einzelne Konsequenzen aus seinem Wissen ziehen müsste.

    Ich werde nächste Woche im Abstimmungsvorstand für einen Bürgerentscheid sitzen. Es geht darum, daß die Stadt einen PARKPLATZ verkaufen will. Den Anwohnern sind Plätze in einem vor Ort befindlichen Parkhaus angeboten worden. Die Initiative, die den Verkauf verhindern will (und den Bürgerentscheid durchgesetzt hat) nennt sich “rettet den Golzheimer FRIEDHOF!” niemand will den daneben gelegenen Friedhof antasten. Aber niemand hat diesem Unsinn widersprochen… Der Friedhof ist seit hundert Jahren nicht mehr in Betrieb und benötigt die Parkplätze nicht.

    p.s.Meines Wissens war der Rentner nur schwer verletzt (u.a. vier Schädelbrüche) und ist nach zwei Tagen Krankenhausaufenthalt nach Hause gegangen.

Leave a Reply