Kognitive Dissonanz oder warum Schäuble nicht anders kann
Manchmal frage ich mich ob unser Herr Dr. Schäuble das was er sagt wirklich so meint.
Wie soll man bitte jemandem ernst nehmen, der jede Woche neuen Schwachsinn von sich gibt, der es für notwendig hält Menschen zu katalogisieren, ihnen die Privatsphäre zu nehmen und wenn nötig auch vorsorglich abzuknallen?
Zuerst habe ich das ganze mit einem leicht amüsierten Kopfschütteln hingenommen - soll er sich doch zum Arsch Depp der Nation machen, wenn er das braucht. (In meiner jugendlichen Naivität glaube ich nämlich noch immer daran, dass es nicht zu einem so gravierenden Eingriff in die Grundrechte kommen wird- irgendwas müssen die doch aus der Sache mit Hitler gelernt haben..)
Aber nachdem ich die Situation heute mit einem Psychologen diskutiert habe, mache ich mir doch ein bisschen Sorgen und bin noch ein Stück mehr davon überzeugt, dass Aktionen wie
nicht nur richtig sondern auch wichtig sind.
Schnell war ich mir mit dem Herren vom Fach einig darüber, das die Wahrnehmung von Herrn Schäuble an der Realität vorbei geht - sonst würde er die offensichtliche Verfassungswidrigkeit seiner Forderungen nicht mit einem mit einem verbissenen festklammern an selbigen kombinieren. (Ich meine hier nicht nur die gezielten Tötung, die er nach eigener Aussage ja nie als Alternative gemeint hat)
Man machte mich auf die posttraumatische Psychodynamik aufmerksam aber ich denke nicht, dass man alles immer darauf zurückführen kann, dass er selbst Opfer eines Attentats geworden ist.
Was ich persönlich sehe ist kognitive Dissonanz in Reinform und auf diese Alternative konnten wir uns dann auch einigen.
Da ich mit diesem Begriff schon des Öfteren um mich geworfen habe ohne ihn zu erklären, wird das heute nachgeholt.
Ich werde nun einen kleinen psychologischen Exkurs veranstalten und abschließend skizzieren warum Aktionen wie “Grundgesetz für Schäuble” so wichtig sind.
Die zentrale Hypothese der Theorie ist, dass der Mensch nach kognitiver Konsistenz strebt, einem Zustand in dem das Wissen, das Verhalten und die Einstellung eines Individuums in sich widerspruchsfrei und konsistent sind.
Eine Abweichung von diesem Gleichgewicht führt zu Dissonanz, einer psychologisch unangenehmen Spannung, die das Individuum dazu motiviert, selbige zu reduzieren. Die Begriffe „Kognitionen“ bzw. „kognitive Elemente“ werden im Folgenden synonym verwendet und in Anlehnung an Festinger als „…irgendwelche Kenntnisse, Meinungen, Wertevorstellungen, Einstellungen oder Überzeugungen über die Umwelt, von sich selbst oder von dem eigenen Verhalten“ umschrieben.
Die Gesamtheit der kognitiven Elemente beschreibt die subjektive Realität, also Selbst- und Weltbild des Individuums. Folglich ist das Verhalten und Denken eines Individuums nicht mehr die direkte Reaktion auf die objektive Umwelt, sondern viel mehr eine Reaktion auf die subjektive Interpretation dieser, die unter Beachtung vorheriger Erfahrungen und bestehender Wertmaßstäbe und Erwartungen gebildet wird.
Das Auftreten von Dissonanz motiviert das Individuum zu Verhaltensweisen, die sowohl auf Dissonanzreduktion als auch auf die aktive Vermeidung von Dissonanz verstärkenden Informationen gerichtet sind. Die Intensität dieses Verhaltens ist dabei positiv mit der Stärke der Dissonanz korreliert. Um Dissonanz zu reduzieren, müssen die kognitiven Elemente harmonisiert werden; d.h. der Anteil der konsonanten Kognitionen muss höher sein als die der negativen Kognitionen.
Dissonanzreduktion ist dabei auf 3 Weisen möglich.
1. Veränderung des eigenen Verhaltens
2. Veränderung externer Faktoren wie der Situation oder der
Vorraussetzungen
3. Bestätigung der eigenen Meinung durch
-Hinzufügung neuer, konsonanter Kognitionen
-Abwertung der dissonanten kognitiven Elemente.Darüber hinaus tendiert der Mensch dazu Dissonanz durch selektive Informationsaufnahme zu vermeiden oder zu mildern. D.h. Informationen die die eigene Meinung bestärken werden aufgewertet und sogar aktiv gesucht, während widersprechende Informationen ignoriert, abgewertet oder relativiert werden.
Im Bezug auf den Situation von Herrn Schäuble sind noch zwei Präzisierungen der Ursprungstheorie von Bedeutung
(hier und im Folgenden Abschnitt vgl. Frey/Irle 2001a, S. 278f.)Brehm und Cohen stellten die Hypothese auf, dass ein Widerspruch zwischen zwei wichtigen Kognitionen einer Person zwar notwendig, aber nicht hinreichend für das Auftreten von Dissonanz ist. Deshalb führten sie zwei weitere notwendige Bedingungen ein: „commitment“ (Selbstverpflichtung) und „volition“ (Entscheidungsfreiheit).
Der Begriff „commitment“ bedeutet dabei, dass eine Person sich intern wie extern fest zu einer Entscheidung bekennt und damit einen derartig hohen Änderungswiderstand schafft, dass diese Entscheidung, wenn überhaupt, nur sehr schwer revidiert werden kann.
Dieser Aspekt wird durch Elliott Aronson noch dahingehend konkretisiert, dass er die These aufstellt, dass nur solche Kognitionen Dissonanz hervorrufen, die dem Selbstbild der Person widersprechen.
Dabei ist das Selbstbild in erster Linie positiv; d.h. der Mensch sieht sich als kluge, nette Person und solange alle Kognitionen mit diesem Selbstbild im Einklang sind, herrscht ein optimales Gleichgewicht. Kommt es zum Widerspruch, setzen die Mechanismen zur Dissonanzreduktion ein, um wieder zurück in das Gleichgewicht zu kommen. Dissonanzreduktion ist damit als eine Art Selbstrechtfertigung zu interpretieren.Verfolgt man diesen Gedanken, wird deutlich, warum die Bedingung des „commitment“ eine bedeutende Rolle spielt: Entscheidet und bekennt sich ein Individuum für eine Alternative, dann würde eine spätere Revision der Entscheidung bedeuten, dass es einen Fehler gemacht und damit nicht kompetent gehandelt hat.
Diese Erkenntnis wiederum führt zu einem Konflikt mit dem positiven Selbstbild. Da eine Änderung des Selbstbildes mit einer Reihe von weiteren Dissonanzen einhergehen würde, bekommt die Entscheidung selbst einen hohen Änderungswiderstand, der dazu führt, dass eine andere Kognition geändert werden muss.Quellen
Festinger,Leon, Theorie der kognitiven Dissonanz. Bern 1978: Verlag Hans Huber
Frey, Dieter / Irle,Martin (2001a), Theorien der Sozialpsychologie, Band I: Kognitive Theorien, 2., vollst. überarb. und erw. Aufl., Bern.
Aronson, E. (1994),Sozialpsychologie: menschliches Verhalten und gesellschaftlicher Einfluß, Heidelberg [u.a.].
Wikipedia
Aber was hat diese Theorie nun mit Herrn Schäuble zu tun? Betrachten wir mal die Diskussion um die Grundgesetzänderung, angefangen bei der Forderung nach dem Bundestrojaner.
Herr Schäuble hat sich dazu entschieden dieses Vorhaben publik zu machen und damit auch eine Änderung des Grundgesetzes zu fordern.
Gemäß der Theorie, könnte nun unterstellt werden, dass das folgende Verhalten auf eine subjektive Validierung dieser Entscheidung hinausläuft.
Im Hinblick auf den Aspekt des „commitments“ wäre verständlich, warum Herr Schäuble quasi ohne Rücksicht auf Ruf und Parteifrieden, an seinen Ideen festhält und kontinuierlich neue Ideen hat warum und wie man das Grundgesetz ändern müsste..
Herr Schäuble hat seinen Vorschlag nicht in einem stillen Kämmerlein abgegeben sondern sich vor der breiten Öffentlichkeit dazu bekannt. Eine Abkehr von der Forderung wäre damit auch das Eingeständniss einer persönlichen Niederlage.
Kein gutes Gefühl, also muss etwas getan werden.
Die Strategie der Bestätigung der eigenen Meinung wird meiner Ansicht nach am aktivsten praktiziert.
Neue, konsonante Kognitionen werden durch alle Aussagen, die die ursprüngliche forderung, als positiv oder notwendig darstellen, hinzugefügt.
D.h. jede neue Forderung die ebenfalls eine Änderung des Grundgesetzes voraussetzt, und alle Argumente, die eine solche Änderung legitimieren, wirken bestärkend.
Dissonante Element wie die Kritik die Herrn Schäuble auf breiter Front entgegenschlägt wird dabei durch Abwertung relativiert - z.B.
Ich hoffe mit diesem kleinen Exkurs nicht für völlige Verwirrung gesorgt zu haben – die Quintessenz des Ganzen ist – um Herrn Schäuble zum umdenken zu bewegen ist „dissonanzerzeugender“ Widerspruch auf der ganzen Linie notwendig.
Mit der Blog-Aktion können wir dementsprechend einen kleinen Teil dazu beitragen. Jedes Grundgesetzt das bei Ihm eintrifft könnte man übertrieben als kleinen Schubs in Richtung Objektivität bezeichnen, denn es ist wieder ein Element mehr, das Dissonanz erzeugt.
In diesem Sinne - lasst die Macht der Bücher sprechen.








