13th July 2009

Die (un)beschwerte Leichtigkeit des Seins - oder was kann ich noch bloggen

Als ich damals angefangen habe zu bloggen kannte mich niemand in der weiten Welt des Internets.
Ich war eine einfache Studentin, die gerade an Ihrer Diplomarbeit arbeitete und einfach nur neugierig und interessiert am Internet war und gerne schreibt.
Gegen alle Wiederstände, die ich in meinem damaligen direkten Umfeld auslöste fing ich an zu bloggen - unter Pseudonym und war erstaunt wie schnell ich in der blogger-Gemeinde aufgenommen wurde.

Spaß am Schreiben und die Dynamik mit der sich diese Online Welt bewegt zog mich schnell in den Bann. Ich schrieb unbekümmert und frei nach Schnauze meine Meinung und lernte schnell diese zu verteidigen.
Ich konnte einfach so sein wie ich bin, mit allen Höhen und Tiefen ob emotional, sachlich, albern, belehrend oder todernst - ich wurde einfach so akzeptiert wie ich bin - aus der heutigen Perspektive muss ich gestehen, das ich das vorher im “realen Leben” nicht so erlebt bzw nicht so wahr genommen habe. Vielleicht klingt es absurd aber dieses virtuelle Erleben hat mich stark gemacht und ich habe es nach und nach in die reale Welt übertragen - was nicht jedem passte, aber das ist eine andere Geschichte..

Schnell entwickelten sich virtuelle “Freundschaften”, die sich teilweise auch ins reale Leben übertrugen und noch bis heute anhalten. Darunter sind liebe Menschen, die einen maßgeblichen Einfluss auf meinen Lebenslauf hatten, wie

  • derjenige, der mir damals den letzen Schubs zu bloggen gegeben hat (ich weiß er will lieber ungenannt bleiben),
  • Cem, der mich damals für das wordcamp eingesetzt hat & damit entscheidende Veränderungen initiert hat
  • Christian, der mit mir nicht nur Projekte wie das artcamp aus dem Boden gestampft hat sondern auch im letzten Jahr, dass besonders turbulent war immer auf meine Chinchillas aufgepasst hat
  • derjenige, der ein ganz besonderer Mensch in meinem Leben ist & mich beim “wachsen” unterstützt
  • noch viele andere mehr, die hoffentlich nicht böse sind wenn ich sie hier nun nicht einzelnd nenne..

Mit dem Moment als ich anfing mich auch offline auf Veranstaltungen rumzutreiben und immer mehr Menschen zu dem Pseudonym und einen Namen kannten wurde es Stück für Stück schwerer die Leichtigkeit beim bloggen beizubehalten. Plötzlich war mein Name untrennbar mit meinem Pseudonym verbunden und dies nicht nur offline sondern auch in google.
Seitdem ist es kompliziert geworden, denn ich habe ein Talent dafür Dinge doppel- und dreifachdeutig zu schreiben und ausserdem ist jeder blogpost eine Momentaufnahme, die auf keinen Fall repräsentativ für den ganzen Menschen ist, der ich bin. Plötzlich war es da, dass Problem, was andere von mir denken die mich lesen aber nicht kennen.

Ich stehe nach wie vor zu dem was ich geschrieben habe - keine Frage - und als ich neulich meine alten blogeinträge gelesen habe lag ich teilweise unter dem Tisch vor lachen. Unabhängig davon ist es mittlerweile so, dass ich 3 mal überlege was ich über meine Gedanken und Gefühle schreibe und mich dann meistens doch entscheide es zu lassen.me

Nun frage ich mich - ist das übertrieben? Darf / kann man nicht mehr so menschlich sein wenn man “in der Öffentlichkeit” steht als wenn man undercover ist? Sollte man das Herz aussen vor lassen und nur noch mit dem Kopf bloggen?
Meine Artikel hatten immer einen emotionalen Touch, was einfach daran liegt, dass ich ein sehr emotionaler Mensch bin und Themen mit denen ich mich beschäftige nicht nur mit der rechten sondern auch mit der linken Gehirnhälte betrachte. Ist es unprofessionell so zu schreiben bzw muss es hier, auf meinem privaten blog 100% professionell sein?
Muss ich mir wirklich jedesmal Gedanken darüber machen wie ein Mensch der mich nicht kennt einen Artikel von mir interpretiert, in dem ich vielleicht auch mal traurig oder wütend bin?

Oder mache ich mir seit Monaten viel zu viele Gedanken darüber und sollte einfach wieder anfangen zu schreiben - wie früher, unbeschwert und frei nach Schnauze?

This entry was posted on Monday, July 13th, 2009 at 9:32 pm and is filed under Selbstgespräche, tiefe Einblicke. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

There are currently 9 responses to “Die (un)beschwerte Leichtigkeit des Seins - oder was kann ich noch bloggen”

Hast Du eine Meinung?

  1. 1 On July 13th, 2009, OliverG said:

    Ja, die Veränderung hat man bemerkt. Die Frau, die ich beim JonetCamp das erste mal getroffen hatte, hatte mit der Moderatorin des MBC nicht ARG viel gemein - meinend: Hätte jemand dich nur die beiden Male gesehen, hätte er dich kaum wiedererkannt.

    Ich weiß nicht, aber ich blogge seit 1999/2000 (zuerst ‘manuell’, dann mit Software). Mir ist es massiv egal, wenn jemand aufgrund meines Blogs meint, mich zu kennen oder gar richten zu müssen.

    Ich weiß, dass mich genügend Leute für das schätzen was ich tue und mir vergeben, wie ich es tue - meist jedenfalls.

    Was will man mehr?

    Also kurz: Bleib wie du warst ;)

  2. 2 On July 13th, 2009, Curi0us said:

    Als jemand, der Dich genau gar nicht kennt, außer dem, was er bei Twitter so liest…

    Ich glaube, Du machst Dir zu viele Gedanken.
    Alles, was man schreibt/sagt/tut kann in minimal zwei Varianten ausgelegt werden.
    Alles, was man von sich gibt kann und darf nur im Kontext mit der Zeit, den Erlebnissen etc. bewertet werden.

    Klar, es gibt viele, die das nicht machen, aber das lässt sich wohl nicht vermeiden.
    Die Schere im Kopf wird Dich glaube ich nicht davor schützen, dass viele Menschen genau das von Dir oder über Dich denken, was Du nicht bist und nie sein und sagen wolltest.
    Einfach das was Du schreibst in das Bild von Dir einpassen ist ja auch einfacher, als das Bild von Dir dem anzupassen, was Du schreibst.

    Natürlich gibt es Dinge, die man/Du für sich behält. Behalten soll und muß. Aber ich finde es schade um jedes Blog, das nicht mehr zumindest weitgehend “frei nach Schnauze” gefüllt wird. Dann wird es zu einem (mehr und mehr unpersönlichen) Presseerzeugnis.

    Ich glaube, das machen die meisten von “uns” so, und eigentlich macht es das doch aus, oder?
    Den Menschen hinter den Zeilen liest man nur, wenn dieser sich auch in den Zeilen wiederfindet. Und das funktioniert - finde ich - am besten, wenn sie so schreiben darf/kann, wie sie ist. Also frei nach Schnauze. Und darum geht’s doch, oder?

  3. 3 On July 13th, 2009, Was kann ich noch bloggen? | Elbblog - Küstenflüstern von der Waterkant said:

    [...] fragt sich zeniscalm drüben. Und in der Tat, das ist eine spannende Frage. Und ich kann sie – zumindest [...]

  4. 4 On July 13th, 2009, Gerhard said:

    Und wie sagte Orpheus im Diskurs mit der öffentlichen Meinung so schön?
    “Die öffentliche Meinung kann mich mal!”

  5. 5 On July 13th, 2009, zeniscalm said:

    @OliverG Stimmt, Du warst ja einer der ersten, die mich auf dem “Parkett” erlebt haben ;) Ja ich habe mich sehr verändert aber das ist auch gut so, denn ich fühle mich wesentlich wohler heute und denke zumindest, dass aus mir “was geworden ist”.

    @Curi0us Komischerweise ist es auf twitter einfacher, vielleicht weil dort viele kleine Momentaufnahmen aneinandergereiht sind - dynamischer, schneller und vergänglicher. Aber Du hast irgendwie Recht - der Mensch hinter den Geschichten macht diese lebendiger..

    @Gerhard Hach, diese Einstellung hätte ich zu gern ;)

  6. 6 On July 13th, 2009, Mark R said:

    Hi,

    ich fände es toll wenn man sich keine Gedanken machen müsste, aber leider ist das nicht so. Selbst ein privater/persönlicher Blog ist nur soweit privat wie er auch von “Google und Außenstehenden” gefunden werden kann.

    Besonders problematisch sind sehr kritische Themen bei denen man vielleicht auch mal die Seite vertritt die nicht populär ist. Nicht nur Außenstehende sondern es können auch Arbeitskollegen oder sogar die Chefs mitlesen - besonders problematisch wenn ein möglicher zukünftiger Chef es ließt.

    Es gibt also nicht viele Möglichkeiten:

    a) pfeift darauf wer es ließt und schreibt frei Schnauze - bewusst auch das es “Konsequenzen” nach sich ziehen könnte. Falsches Bild unter Arbeitskollegen usw…

    b) passt sich den möglichen Lesern an und schreibt mehr mit dem Kopf -> dann ist es aber kein persönlicher Blog mehr

    c) fängt wieder von vorne unter neuen “Nicknamen” an und schreibt einfach frei Schnauze, ohne das es jemand weiss…

  7. 7 On July 13th, 2009, Gerhard said:

    @Mark R Wie ich schon in meinem Artikel schrieb, ist es natürlich die Frage, ob man mit Menschen zusammenarbeiten muss, die schnell nach dem Lesen urteilen, ohne jemanden darauf anzusprechen. Manch einer kann sich den Luxus leisten, dies nicht tun zu müssen, manch einer nicht. Option c bleibt natürlich immer.

  8. 8 On July 13th, 2009, Christian said:

    Schreib einfach und ich freue mich, das ich diese Zeit und noch viele mit Dir erleben darf.

    Christian

  9. 9 On July 22nd, 2009, D. Petereit said:

    Seinen Gedanken freien Lauf lassen ist völlig in Ordnung. Allerdings sollte man sie in der Form spätestens dann nicht mehr verschriftlichen, wenn man identifizierbar ist. Mir hat das Bloggen bisher bereits drei schwere persönliche Schläge versetzt, von denen ich mich noch immer erhole. Bei mir gibts´daher nuch noch Filtriertes bis Unpersönliches.

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